Katharina Wilke wurde 1978 in Halle/Westfalen geboren. Ihr Studium der Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld schloss sie 2012 mit dem Diplom ab. Seit 2009 setzt sie sich mit „abgelegten Momenten fremder Menschen“ auseinander und ergänzt diese mit ihrer eigenen Bildsprache. Seit dieser Zeit beteiligt sich die Künstlerin an nationalen und internationalen Projekten und Ausstellungen. Katharina Wilke lebt in Bielefeld.
Im Bereich der soziokulturellen Forschung genießt die Amateurfotografie bereits seit vielen Jahrzehnten einen hohen Stellenwert. Zum einen würdigte man ihre besondere Authentizität, zum anderen erkannte man bei ihr thematische Nischen, die von der professionellen Fotografie eher weniger fokussiert worden waren. Erst seit einigen Jahren indessen wird der Amateurfotografie von zusätzlicher Seite eine große Aufmerksamkeit zuteil: ihre spezielle Anmutung wird als künstlerische Ästhetik begriffen. Zum Teil nachgeahmt von der professionellen Fotografie äußert sich diese Wertschätzung auch im Wiederentdecken und Einbeziehen historischer Fotografien in einen neuen künstlerischen Kontext.
Katharina Wilke gibt der Kunstrichtung, die mit gefundenem, ursprünglich nicht für die Veröffentlichung vorgesehenem Filmmaterial („found footage“) und, analog dazu, mit entsprechenden Fotografien arbeitet, eine ganz eigene Prägung. Allein die Motivauswahl, die Suche nach dem „richtigen“ Bild ist dabei essentiell für den Entstehungsprozess der einzelnen Werke und bedeutet jedes Mal einen Kraftakt für sich genommen. Durch die sticktechnische Überarbeitung erhalten die Fotografien schließlich Reliefcharakter und damit etwas Objekthaftes, sie bekommen etwas Artifizielles und Kostbares, vor allem aber etwas vollkommen Einzigartiges.
Der Stickgestus bemächtigt sich der Bilder, er überformt und verwandelt sie. Er deutet sie um, formalästhetisch wie inhaltlich. Wie wenig bedarf es, die räumliche Wirkung eines Bildes zu unterlaufen oder die Beleuchtungssituationen, so etwa die Tageszeiten auszutauschen. Scheinbar spielerisch und mit Lust wird von der gelernten Fotografin der Abbildungsstolz der Fotografie konterkariert. Ebenso nimmt der Betrachter erstaunt zur Kenntnis, wie der klischeehaft besetzte Vorgang des Stickens es vermag, das herrschende Vorurteil, nur dem Dekorativen zu dienen, nur „hübsch“ sein zu wollen, in das glatte Gegenteil zu verkehren. Die überarbeiteten, verfremdeten Fotografien wirken nie versöhnlich, sie ironisieren den Bildgegenstand, sie lassen ihn schroff daherkommen, sie bringen ihn in Konfrontation zum Betrachter.
Nicht zuletzt bedient sich Katharina Wilke des Kunstgriffs, die ursprünglich kleinformatigen Bildvorlagen, die Diapositive, bleibend ins Monumentale und damit in den öffentlichen Raum zu transferieren. Allein damit verleiht die Künstlerin den Fotografien eine gänzlich neue Bedeutung. Im Ergebnis werden aus privaten Erinnerungsbildern eines Familienalbums neu interpretierte und in ihrer Deutungsdimension eklatant verschobene, allgemein aussagefähige Leinwandgemälde geradezu allegorischen Charakters.
Frau Prof. Dr. Hildegard Wiewelhove, 2015, Museumsleitung Huelsmann Museum, Bielefeld